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Das „Kaiser-Baby“

Heute ist es kaum vorstellbar, dass eine kleine Puppe politische Wellen schlägt. 1909 jedoch sorgte eine neue Kreation für Gesprächsstoff: das „Kaiser-Baby“. Diese Puppe leitete für die deutschen Hersteller die Ära der so genannten Charakterpuppen ein. Die Firma Kämmer & Reinhardt sicherte sich damit eine besondere Stellung gegenüber der Konkurrenz.

Der Modelleur Ernst Kämmer schloss sich 1885 mit dem Kaufmann Franz Reinhardt zusammen und gründete in Waltershausen in Thüringen eine Puppenfabrik. Gestützt auf die Zulieferungen aus der Heimindustrie war die Firma sehr erfolgreich und wurde auf internationalen Ausstellungen für ihre Produkte ausgezeichnet. Nachdem der Jugendstil für ein neues Stilempfinden gesorgt hatte und die Natur immer stärker als Vorbild gesehen wurde, regte sich Kritik an den herkömmlichen „niedlichen“ Puppengesichtern. Daher erregte es Aufsehen, als Kämmer & Reinhardt 1909 eine Puppe unter der Modellnummer „K + R 100“ auf den Markt brachten, die ein eher wirklichkeitsgetreues Kleinkindgesicht hatte. Vorlage war eine Plastik des Berliner Bildhauers Arthur Lewin-Funcke (1866-1937), die ein lachendes, 6 Monate altes Baby darstellte. Modelleur des Puppenkopfes war ein Herr Kaiser, der dem neuen Modell den Spitznamen gab. Aber es wurde auch unter der Hand werbewirksam verbreitet, die Prinzessinnen des Kaiserhauses würden damit spielen. Besonders kaisertreue Zeitgenossen witterten dagegen eine Majestätsbeleidigung, denn sie sahen in der Puppe ein nicht autorisiertes Porträt Wilhelm II. in seinen jüngsten Tagen, und der Kaiser sei als Baby nachweislich hübscher gewesen. In jedem Fall stand das „Kaiser-Baby“ am Beginn der vor allem von Kämmer & Reinhardt erfolgreich ausgebauten Produktion von Charakterpuppen, die heute bei Sammler/innen weltweit heiß begehrt sind.

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