Objekt des Monats März

Lithographiestein ·

„Lasst uns Senefelder preisen, der den Stein der Weisen fand“, dichtete Hoffmann von Fallersleben 1871. Wenn man sich die etliche Zentimeter dicken und einige Kilogramm schweren Steine ansieht, die Grundlage der lithographischen Technik sind, ist es kaum zu glauben, dass sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Revolution in der Herstellung von Bildern und Gebrauchsdrucksachen darstellten. Der Gedanke, Bilder direkt auf einen Stein zu zeichnen, mutet ebenfalls merkwürdig an. Allerdings handelt es sich um einen ganz besonderen Stein, dem wir auch die feinsten Fossilien wie den berühmten Urvogel Archaeopteryx verdanken.

Das bekannteste Abbaugebiet des kohlensauren Plattenkalks liegt im oberbayerischen Altmühltal um Solnhofen und Eichstätt. Der feinporige Stein war schon früher für kunstvolle Bildhauerarbeiten verwendet worden. Aloys Senefelder (1771-1834), der als Schauspieler und Autor begonnen hatte, experimentierte mit neuen, chemisch basierten Methoden zur kostengünstigen Vervielfältigung von Schriften. Grundlage seiner Erfindung 1797/98 war die Tatsache, dass sich Fett und Wasser abstoßen. Auf den geglätteten und vorbehandelten Stein wurde die Zeichnung mit fetthaltiger Kreide, Tusche oder anderen Farben aufgebracht. Nur sie nahm anschließend die Druckerfarbe an. Neben die verschiedenen, lange bekannten Verfahren des Hoch- und Tiefdrucks trat nun der Flachdruck. Für seine neue Drucktechnik entwickelte Senefelder eine speziell geeignete Stangenpresse. Die Vorteile der Lithographie lagen auf der Hand: Sie war deutlich billiger als der Kupferstich, die Abzüge waren rascher herzustellen und ein Stein ermöglichte mehr als doppelt so viele wie die Kupferplatte. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts bereicherten die französischen Lithographen Engelmann und Lasteyrie die Technik um den Farbendruck, die so genannte Chromolithographie.

Künstler nahmen die neue Technik, die bald durch Umdruck und andere Methoden erweitert worden war, dankbar an und schufen damit grafische Meisterwerke. Noch größer war ihre Verbreitung aber im Bereich des Akzidenzdrucks, der Buchillustration und der Werbung. Unser Beispiel zeigt einen Stein für „Eau de Cologne Russe“ der Berliner Firma Fromm & Brandenburg. Als „Fabrik feiner Parfümerien und Toiletteseifen“ 1921 gegründet, erlebte das Unternehmen mit Kosmetik- und Hygieneartikeln einen raschen Aufstieg. Eine bedeutende Zahl an Verpackungen und Etiketten, von denen einige in der Sammlung des Jüdischen Museums Berlin vorhanden sind, ließ es in Detmold bei der Firma Gebr. Klingenberg drucken. Dieses Unternehmen, 1867 als Buchhandlung gegründet, konzentrierte sich ab 1884 ganz auf den Druck lithographischer Erzeugnisse. Mit 600 Beschäftigten gehörte es um 1900 zu den größten Druckereien in Deutschland. Die bekannten Liebig-Sammelbilder und farbenprächtige Chromolithographien für die Zigarrenindustrie waren die bekanntesten Produkte von Klingenberg, einem der Marktführer in einer „steinreichen“ Branche.