Objekt des Monats April

Steckmedaille Olympia 1936 ·

Auf den ersten Blick meint man eine herkömmliche Medaille vor sich zu haben, aber in der Hand irritiert das geringe Gewicht bei einem mit sechs Zentimeter ansehnlichen Durchmesser. Die Entdeckung, dass die Messingmedaille eigentlich eine Dose ist und somit nicht aus Vollmaterial besteht, löst das Rätsel. Sie enthält zwölf runde Fotografien der Firma Merz aus Frankfurt/Main, die Sportstätten auf dem Berliner Olympia-Gelände zeigen.

Diese Form von Medaillen hat eine lange Tradition, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Damals begannen geschickte Kunsthandwerker, Silbertaler auf einer Seite auszufräsen und den Innenrand mit einem Gewinde zu versehen. Mit einem entsprechenden Gegenstück entstand so ein kunstvolles und hochwertiges Behältnis für Porträts. Diese Miniaturbildnisse konnten in verschiedenen Techniken hergestellt werden und dienten als Ehrengeschenke oder Freundschafts- und Liebesgaben. Nach der Art des Behältnisses nannte man sie Schraubtaler. Augsburg entwickelte sich zum Zentrum der Produktion, wobei im 18. Jahrhundert vermehrt größere Stücke für den speziellen Zweck gegossen wurden, die mehr Inhalt erlaubten. Eine spätere Variante waren Medaillen ohne Gewinde, deren Hälften ineinander gesteckt wurden. Sie enthielten meist kolorierte Stiche in Kreisform, die an den Rändern zusammenhingen und ganze Geschichten erzählen konnten.

Unsere Medaille zeigt auf der einen Seite die Siegesgöttin auf der Quadriga, auf der anderen die olympischen Ringe über der Olympiaglocke mit der Aufschrift „Ich rufe die Jugend der Welt!“ Die Olympischen Spiele 1936 waren für das NS-Regime eine Prestigeveranstaltung, bei der sich das „neue Deutschland“ der Welt von seiner besten Seite zeigen sollte. Entsprechend hielten sich die Machthaber in dieser Zeit mit antisemitischen und rassistischen Bekundungen zurück. Eine umfangreiche Propagandamaschinerie, nicht zuletzt mit den Filmen von Leni Riefenstahl, und die Vermarktung des Ereignisses mit Publikationen und  Erinnerungsstücken sorgten für einen nachhaltigen Eindruck im In- und Ausland.

Im Oktober 1933 hatte Hitler für das Olympiagelände umfangreiche Um- und Neubauten angeordnet. Ein 70 Meter hoher Glockenturm überragte das Reichssportfeld. Für ihn wurde 1935 in Bochum die 10 Tonnen schwere Glocke mit der oben zitierten Aufschrift gegossen. Im Januar 1936 begann die Überführung auf einem offenen Tieflader nach Berlin. Die sehr langsame Fahrt diente zugleich als Werbemaßnahme für die Olympischen Spiele.  Am 18. Januar hielt die Glocke vor dem Bielefelder Rathaus, wo vor vielen Schaulustigen ein Festakt stattfand. „Jeder wollte die Glocke, die die Jugend der Welt zum Kampf rufen sollte, aus nächster Nähe sehen… Der dichte Kreis der begeisterten Bielefelder lichtete sich erst, als jeder wenigstens einmal das kalte Metall mit der Hand berührt hatte.“ So berichtete die Westfälische Zeitung von einem fast kultischen Erlebnis, das die nationale Begeisterung für das große Ereignis entfachen sollte. In der Medaille ist es zu einem kommerziellen Erinnerungsstück geronnen.