Objekt des Monats Mai

Siphonflasche

Sekt oder gar Champagner hat dem Wein als Ausgangsbasis das angenehme Prickeln voraus. Ähnlich verhält es sich beim Wasser: Die feinperlige Kohlensäure macht aus der langweiligen Flüssigkeit ein spritziges Erlebnis. Dieser Genuss war in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, den roaring twenties, besonders geschätzt. Das Nachtleben in Clubs und Bars blühte, und als wichtiges Utensil stand die Siphonflasche auf dem Tresen, um mit brausendem Sodawasser jedem Getränk den eigentlichen Pfiff zu geben.

Bereits 1772 gelang es dem Briten Joseph Priestley, Wasser künstlich mit Kohlensäure zu versetzen. Die Erfindung der praktischen Siphonflasche wird abwechselnd dem ungarischen Benediktinerpater Ànyos Jedlik und dem Franzosen Antoine Perpigna in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zugeschrieben. Nach diesem System befindet sich auf der Flasche ein Siphonkopf mit einem Kapselhalter. Eine umlaufende rote Linie auf dem Glas markiert die Füllhöhe für die Flüssigkeit, die maximal 70% des Volumens ausmachen darf. Der Bereich oberhalb muss leer bleiben. In den Kapselhalter setzt man eine Kohlendioxid-Patrone ein; über ein dünnes Rohr kann das Gas in die Flasche entweichen und vermischt sich, durch kräftiges Schütteln unterstützt, dauerhaft mit der Flüssigkeit.

Das Glas der Siphonflasche, die leer immerhin 2,5 kg wiegt, ist extrem dickwandig und mit einem dichten Metallnetz überzogen. Diese Vorsichtsmaßnahme war dazu gedacht, im Fall des Berstens der Flasche die Splitter abzufangen. Der Druck in der Flasche kann bis zu 5 bar betragen, also deutlich mehr als in einem Autoreifen. Anders als bei einer einmal geöffneten Sektflasche kann die Kohlensäure hier nicht entweichen, das Getränk bleibt immer spritzig.

Auf der Schulter der Flasche findet sich in der Metallauflage eingraviert der Herstellername “ Heimsyphon Patent Sparklet 1933″. Die englische Firma Sparklet baute seit 1920 sehr erfolgreich solche Siphonflaschen und gab einige Jahre später einem Hersteller in Berlin die Lizenz für Deutschland zum Nachbau. Unter der Bezeichnung „Heimsyphon“ wurde die starke Flasche, deren Glasanteil von böhmischen Hütten bezogen wurde, zum Verkaufsschlager. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand die Produktion in Solingen neu. Die klassischen Glassiphons bekamen seit etwa 1960 jedoch immer mehr Konkurrenz durch aluminiumbeschichtete Gehäuse.

Wer heute keine schweren Mineralwasserkästen schleppen will und umweltbewusst auf Plastikflaschen verzichtet, kann mit einem recht unscheinbaren modernen  Wassersprudler in der Küche das Leitungswasser mit Blubberbläschen versetzen. Das erfrischende Zischen mit echter Bar-Atmosphäre wie beim Sodasiphon will sich dabei allerdings nicht einstellen.

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