Objekt des Monats Oktober

Stammtischwimpel ·

Wie der Deutsche (angeblich) mit dem berüchtigten Handtuch am Strand seinen Liegestuhl als besetzt markiert, hat er auch einen Tisch im Wirtshaus, der dauerhaft für eine bestimmte Gruppe reserviert ist, mit besonderen Zeichen belegt. Der Stammtisch vereint regelmäßig eine Runde von Personen, die miteinander gut bekannt sind und oft  gemeinsame Interessen haben. Der eindrucksvolle Stammtischwimpel signalisiert von weitem, dass hier die Nähmaschine das Bindeglied darstellt: Aus Metall gefräst erscheint sie an der Spitze, auf Seide gestickt auf dem Wimpel selbst.

Die Aufschrift „Nähmaschinen-Fachschule Bielefeld, gegr. 1924“ verweist auf eine für Bielefeld typische Einrichtung. Die erste Nähmaschinenfabrik entstand hier schon 1860 und am Ende des 19. Jahrhunderts hatten sich vier große Hersteller in der Stadt etabliert: Baer & Rempel, Kochs Adler, Dürkopp und Hengstenberg & Co. (die späteren Anker-Werke). Damit war Bielefeld eines der Zentren der Nähmaschinenindustrie in Deutschland. Die Handelskammer beklagte jedoch 1905 den Mangel an geeigneten Nähmaschinen-Mechanikern. Nachdem ein erster Anlauf gescheitert war, eine Ausbildungsstätte für solche Facharbeiter zu gründen, gelang es 1923 Max Wrba, dem Direktor der Handwerker- und Kunstgewerbeschule, die Vertreter der Industrie und ihrer reichsweiten Verbände an einen Tisch zu bekommen. Ein Jahr später nahm die „Deutsche Nähmaschinenmechaniker-Schule“ als Untermieter in Wrbas Institut den Betrieb auf. In die Trägerschaft teilten sich Firmen und Berufsverbände sowie die Stadt Bielefeld.

Die Schule bot anspruchsvollen Unterricht mit einem Abschluss, der einer Meisterprüfung an der Handwerkskammer vergleichbar war. Ihr Name unterstrich die zentrale Position, die Bielefeld für die deutsche Nähmaschinenindustrie einnahm. Die Schüler kamen aus dem ganzen deutschen Sprachraum. Als 1926 die von denselben Kreisen unterstützte  „Deutsche Fahrzeugmechanikerschule“ in das Gebäude am Sparrenberg einzog, herrschte bald akuter Platzmangel. In einer ehemaligen Fabrik an der Heeper Straße fanden beide Einrichtungen 1928 ein neues Domizil und wurden unter der Leitung des Ingenieurs Alexander Nagel als „Fachschule für das Metallgewerbe“ zusammengeführt.

In der Weltwirtschaftskrise bröckelte die Unterstützung durch die Firmen und Verbände immer stärker ab. Die Stadt übernahm die anfallenden Kosten und die alleinige Trägerschaft, parallel entfiel der Namenszusatz „Deutsche“ bei den beiden Mechanikerschulen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab man die Trennung der beiden Zweige und damit auch die Bezeichnungen auf und überführte sie in  das noch heute bestehende Carl-Severing-Berufskolleg für Metall- und Elektrotechnik. Die Tradition der Nähmaschinenmechaniker-Schule lebte aber weiter, wie der Stammtischwimpel beweist. Ein Ehepaar aus Schwaben stiftete ihn 1959 zum 35-jährigen Bestehen. Die Silhouette der abgebildeten Nähmaschinen entspricht den damals modernen Modellen, jedoch war die Nähmaschinenindustrie in Bielefeld bereits in raschem Niedergang. Die Schule hat mit ihrer breiteren Ausrichtung diesen Strukturwandel überlebt.

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