Objekt des Monats November

Hochzeitsstühle •

Auf den ersten Blick wirken die beiden Stühle, als gehörten sie zur Einrichtung einer traditionellen bäuerlichen Stube. Der zweite Blick lässt stutzen: Passt die Polsterung zu einem klassischen ländlichen Pfostenstuhl? Sind die Herzen auf der Lehne nur Dekoration oder bedeuten sie mehr? Und dann irritiert noch die Jahreszahl 1941. Wer lässt sich mitten im Krieg solche Stühle bauen?

Tatsächlich führen die Herzen, die zusammen mit der Jahreszahl und Initialen auf den Stuhllehnen eingeschnitzt sind, zur Gattung der Braut- oder Hochzeitsstühle. In einigen deutschen Landschaften wie Pommern, Friesland, im Hamburger Umland oder in Hessen, dort namentlich in der Schwalm, gehörten die aufwändig beschnitzten und farbig gefassten Stühle zur Ausstattung, die auf dem Brautwagen mitgeführt wurde. Im Alltag wurden sie später als normale Sitzmöbel genutzt.

Gerade die sehr dekorativen Schwälmer Brautstühle waren ein beliebtes Motiv innerhalb der Volkskunst- und Heimatschutzbewegung, die um 1900 entstand. Traditionelle ländliche Lebensformen, die sich in Sachgütern wie Trachten und Möbeln, aber auch immateriellen Erscheinungen wie Liedern oder Bräuchen niederschlugen, waren im Verschwinden begriffen. In einer Zeit, als die negativen Begleiterscheinungen von Industrialisierung und Urbanisierung  bereits deutlich zutage traten, war die vermeintlich heile ländliche Welt von früher ein emotionaler Fluchtpunkt des Bürgertums. Kein Wunder also, dass auch die Werbung diesen Faden aufnahm.

Die Initialen auf unseren Stühlen verweisen auf Hans-Werner König und seine Frau Herta König. Die Familie König betrieb in Steinhagen eine alteingesessene Schnapsbrennerei. Der „Steinhäger“, aus Wacholderbeeren gebrannt, wurde von etlichen Firmen am Ort hergestellt und galt als urwestfälisches Erzeugnis. Entsprechend traditionsverwurzelt stellt sich die Werbung dar. Die konkurrierende Firma Schlichte baute sogar 1902 auf der Düsseldorfer Industrie- und Gewerbeausstellung ein westfälisches Bauernhaus als Ausschank auf, in dem Kellnerinnen in westfälischer Tracht bedienten. In den 1930er Jahren ging die konservative Heimatschutzbewegung in der völkischen Brauchtumsideologie des Nationalsozialismus auf. Die bäuerliche Kultur hatte Hochkonjuktur. Es war wohl die Verbindung von eigener Familientradition und diesem Zeitgeist, die Hans-Werner König dazu veranlasste, zu seiner Hochzeit die Stühle anfertigen zu lassen.

Komplettiert wird das Stuhlpaar durch eine Truhe mit entsprechenden Schnitzereien, die auch die Namen der Eheleute festhält. Die drei Stücke waren für die Diele des König´schen Wohnhauses vorgesehen. Die eigentliche Einrichtung, die etwa zur selben Zeit entstand, präsentierte sich aber keineswegs in diesem pseudobäuerlichen Stil. Prof. Paul Griesser, der Leiter der Fachklasse für Innenarchitektur an der Bielefelder Handwerker- und Kunstgewerbeschule, entwarf sie in gemäßigt modernen Formen und gediegener Ausführung. Dass er ebenso die Zeichnungen für die Dielenmöbel  anfertigte, ist ein Indiz für die Divergenzen, die den Einrichtungsstil in der Zeit des Nationalsozialismus kennzeichnen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.