Es kommt einer
Wiederentdeckung gleich, wenn nun im Historischen Museum Bielefeld
ihr Leben und Werk erstmals in einer Ausstellung vorgestellt werden.
Als Tochter eines Zollbeamten 1875 in Leipzig geboren, erhielt Gertrud
Kleinhempel in Dresden eine Ausbildung als Zeichenlehrerin. Danach
besuchte sie die Damen- Akademie des Münchner Künstlerinnenvereins.
In München erlebte sie den künstlerischen Aufbruch des Jugendstils,
der sich in ihrem Buchschmuck für die Zeitschrift Jugend
niederschlug. 1898 zog Gertrude Kleinhempel nach Dresden, das sich
anschickte, eine der künstlerisch führenden Städte
Deutschlands zu werden. Bald erregten ihre Möbelentwürfe
für die Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst
von Karl Schmidt Aufsehen. Kein Geringerer als Henry van de Velde
lobte die Arbeiten der jungen Künstlerin, die durch Formstrenge
und Eleganz bestachen und vom Jugendstil zur modernen Möbelkunst
wiesen.
Gertrud Kleinhempel, die oft in Gemeinschaft mit
ihrem Bruder Erich und ihrer Freundin Margarete Junge arbeitete,
war auf vielen Ausstellungen vertreten, die zu Marksteinen in der
Entwicklung des Jugendstils geworden sind. Neben Möbeln entwarf
sie unter anderem Gebrauchsgrafik, Schmuck, Textilien und Spielzeug.
Im Jahre 1907 folgte sie einem Ruf an die neu gegründete Kunstgewerbeschule
in Bielefeld, wo sie die Leitung der Textilklasse und der Zeichenklasse
übernahm. Sie lieferte nun Entwürfe für die bedeutende
örtliche Industrie, erhielt aber auch viele Privataufträge.
Die Stadt Bielefeld ließ sie Prestigeobjekte wie das goldene
Buch für den Besuch Kaiser Wilhelms II. gestalten.
Auf der Weltausstellung in Brüssel 1910 und auf der Werkbundausstellung
1914 in Köln war Gertrude Kleinhempel mit wichtigen Stücken
beteiligt. Auf Wunsch der Leitung des Werkbundes, dem sie seit der
Gründung 1907 angehörte, entwarf sie für das Haus
der Frau ein repräsentatives Zimmer. Ihre späteren
Entwürfe, vor allem im Bereich der Textilkunst, verarbeiten
Einflüsse des Expressionismus. Gertrud Kleinhempel starb 1948
in Althagen an der Ostsee.
Mit ihrer langjährigen Arbeit in Bielefeld
hat Gertrud Kleinhempel die Entwicklung der Kunstgewerbeschule wesentlich
geprägt. Für ihre Verdienste wurde ihr 1921 als erster
Frau in ihrem Beruf in Preußen der Professorentitel verliehen.
Sie war eine faszinierende Frau, die sich der zeitbedingten Klischees
von Weiblichkeit nicht unterwarf und in einem von Männern dominierten
Berufsfeld zu großem Ansehen gelangte.
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