Objekt des Monats Dezember

Modellbogen Puppenhaus •

Wie stellen Sie sich ein Puppenhaus vor? Wahrscheinlich als gemütliches spitzgiebliges Häuschen, vollgestellt mit kleinen Möbeln und vielen winzigen Gegenständen des Alltags, das den nostalgischen Reiz der Vergangenheit hat. Davon unterscheidet sich das Puppenhaus, das sich mit dieser Anleitung bauen lässt, fundamental. „Unsere Puppen sind moderne Leute“ heißt es in der Einleitung, und so atmet auch ihr Haus den Geist des Neuen Bauens.

Der Modellbogen „Zerlegbares Puppenhaus“ erschien in der Reihe „Spiel und Arbeit“ im Verlag Otto Maier Ravensburg. Das Traditionsunternehmen wurde 1883 gegründet und brachte schon ein Jahr später das erste Gesellschaftsspiel auf den Markt. Neben Spielen und Büchern für Kinder und Familien kamen um 1900 Bastelanleitungen unter dem Motto „Wackere Knaben fertigen ihr Spielzeug selber an“ hinzu. Vor dem Ersten Weltkrieg hatte der Verlag bereits über 800 Produkte im Sortiment und exportierte in viele Länder Europas. Die moderne Welt mit ihren technischen Errungenschaften stand im Mittelpunkt des Verlagsprogramms. So ist es nicht verwunderlich, dass der Bastelbogen für das Puppenhaus bereits 1923 im Sinne des Bauhauses umgestaltet wurde. 1928 verpflichtete der Verlag den Bauhaus-Schüler Fritz Ehlotzky, der gerade den Spieleklassiker „Fang den Hut“ entwickelt hatte, als Produktgestalter für das ganze Sortiment. 

Das Puppenhaus, das aus Pappe und Holzstäben gebaut werden sollte, besteht aus klaren Kuben mit großen Fensteröffnungen und flachem Dach. Das Flachdach war in den 1920er Jahren ein Zankapfel, der Architekten und Bauherren in Atem hielt. Es galt geradezu als Ausweis einer modernistisch-internationalen Gesinnung, während das Steildach dem konservativ-traditionalistischen Lager zugeordnet wurde. Der Architekt Paul Schultze-Naumburg hatte 1927 in einer Streitschrift die angeblichen Nachteile des Flachdachs aufgeführt und es im Sinne der völkischen Ideologie als „undeutsch“ diffamiert. In Berlin gab es in dieser Zeit eine erregte Kontroverse um Bruno Tauts Flachdachsiedlung „Onkel Toms Hütte“, der das andere Lager als bauliche Gegendemonstration die Siedlung Fischtalgrund mit  Steildächern entgegensetzte. Aber auch abseits der Metropolen schlug der Streit Wellen: Der Bielefelder Museumsleiter Eduard Schoneweg beispielsweise teilte Schultze-Naumburgs Einstellung, als er 1931 eines der wenigen im Stil des Neuen Bauens in Bielefeld errichteten Häuser als einen „trostlosen, landfremden Baukasten“ bezeichnete.

Es war also durchaus ein Bekenntnis zur Moderne, wenn der Otto Maier Verlag ein Puppenhaus im Stil des Neuen Bauens propagierte. In der Einführung wird das Haus beschrieben als „zum angenehmen hygienischen und modernen Leben geschaffen“. Licht und Luft sind dabei wichtige Faktoren, daher die großen Fenster und der weite Balkon. Für die Zimmer sind „einige schöne Möbel – nicht allzu viel“ vorgesehen, ein Seitenhieb auf die oft vollgepfropften Wohnungen des Bürgertums. Die Autogarage an der Rückseite des Hauses gehört zum modernen Haus dazu. Nach 1933 dürfte der Modellbogen sehr schnell vom Markt verschwunden sein, galt die Bauhausästhetik den Nationalsozialisten doch als Merkmal der verhassten „Systemzeit“, der Weimarer Republik.

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