Objekt des Monats Mai

Bleistiftspitzmaschine ·

Ein säuberlich gespitzter Bleistift war früher ein Ausweis für eine professionelle, auf Exaktheit abzielende Geisteshaltung. Mit einem Messer ließ sich eine feine, rundum gleichmäßige Zuspitzung kaum erreichen. Kein Wunder, dass die Leistungen der für diesen Zweck erfundenen Maschinchen faszinierten. In seiner Groteske „Abenteuer in Hamburg“ lässt Hanns Heinz Ewers 1904 sogar einen Zwangsneurotiker auftreten, der manisch Bleistifte spitzt und sie zur Befriedigung seiner Manie gleich sackweise mit sich führt. Dort erfahren wir, dass es am Jungfernstieg öffentlich zugängliche, fest installierte Bleistiftspitzmaschinen gab, die allen, die mit dem „spitzen Stift“ rechnen wollten, erste Hilfe versprachen.

Der Bleistift taucht 1662 erstmals in den Verordnungen des Nürnberger Rats auf, also in der Stadt, die zum Zentrum seiner Herstellung werden sollte.  Er war ein Universalwerkzeug, zum Zeichnen ebenso geeignet wie zum Schreiben, unkomplizierter als das Hantieren mit Feder, Tinte und Streusand. Sein Name führt in die Irre, denn die Bleistiftmine besteht aus Graphit, aus kristallisiertem Kohlenstoff, der mit Ton vermengt ist. Das wusste man aber erst seit dem späten 18. Jahrhundert. Vorher hielt man das Mineral wegen seiner Weichheit und des schimmernden Glanzes für ein Bleierz. Die Graphitstangen wurden mit Holz, in der Regel von Zedern, ummantelt, um die empfindliche Mine zu schonen und die Hand sauber zu halten.

Im 19. Jahrhundert setzte die Massenproduktion von Bleistiften mit maschineller Unterstützung ein. Die Mechanisierung von Arbeitsabläufen machte im Industriezeitalter auch vor dem Bleistiftspitzen nicht Halt. Im Jahr 1908 entwickelte Theodor Paul Möbius einen kegelförmig gebohrten Bleistiftanspitzer. Alle folgenden Konstruktionen gleichen sich darin, dass der Stift in eine solche Bohrung eingesteckt und an einer fest montierten Klinge oder einer Fräsrolle entlang geführt wird. Spitzmaschinen im Büro waren mit einer Klemmvorrichtung für den Stift, einer Handkurbel und einem Auffangbehältnis für den Abfall versehen.

Unsere Bleistiftspitzmaschine „ERGO“ stammt aus den späten 1920er Jahren. Die kleine Firma ERGO GmbH wurde 1926 in Heidenau bei Dresden gegründet und stellte Büromaschinen her. Außerdem befasste sie sich mit der Verchromung von Metallteilen, die auch in ihren Produkten zum Einsatz kamen. Bei ihren Spitzmaschinen „ERGO“ und „ERGO extra“ wurde der Bleistift an einem achtstrahligen Messerstern aus schwedischem Stahl entlanggeführt.  Ein Dreibackenhalter, dessen Klemmen durch eine Feder zusammengedrückt werden, spannt den Stift ein.  In einem Katalog von 1928 wird die „ERGO“ für 11 Mark angeboten, eine Tischbefestigung kostet den Aufpreis von einer Mark. Die Dresdener Region scheint übrigens ein Zentrum der Herstellung von Bleistiftspitzmaschinen gewesen zu sein, denn zur gleichen Zeit fabriziert dort die Firma von Johann Weiß unter anderem das Modell „EROS“.  Bei diesem Namen wird die Leidenschaft des Protagonisten aus Ewers´ Erzählung gleich verständlicher.

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