Objektgeschichten

Wie die meisten Museen kann auch das Historische Museum nur einen Bruchteil seiner umfangreichen Bestände ausstellen. Als ein Stadtmuseum, das besonders das Industriezeitalter in den Blick nimmt, deckt es einen enormen Zeitraum von der vorstädtischen Besiedlung Bielefelds im Frühmittelalter bis in die jüngste Vergangenheit ab. Entsprechend vielgestaltig sind die Sammlungsobjekte in Größe, Material und Beschaffenheit – vom Hosenknopf bis zur tonnenschweren Maschine. 

Seit 2012 präsentiert das Historische Museum auf seiner Homepage jeden Monat ein Objekt aus seiner Sammlung. Wichtig für die Auswahl war die Frage, ob sich zu einem Exponat eine interessante Geschichte erzählen lässt. Dabei kann es sich um die Umstände der Erwerbung handeln, die Entwicklung der Herstellerfirma oder die Biografie einer Person, die den Gegenstand einmal besessen hat. Dr. Gerhard Renda stellt hier einige Sammlungsstücke vor.


Hölzerne Taube

Objektgeschichten #01


Objekttext Holztaube

Millimeterdünn sind die „Federn“ dieser Taube, die erkennbar schon manche Fährnisse überlebt hat, aber sie spreizen sich nach wie vor zu einem eindrucksvollen Fächer. Der aus Nadelholz geschnitzte Vogel stellt ein Friedenssymbol dar, führt jedoch mitten hinein in den Ersten Weltkrieg. Die Taube als Zeichen für Hoffnung und Frieden hat noch eine spezifisch christliche Bedeutung. Seit dem 6. Jahrhundert wird sie allgemein als Abbild des Heiligen Geistes anerkannt. Sie ist in katholischen und orthodoxen Kirchen häufig als Vollplastik oder Relief präsent. Im Zeitalter des Barock fand die Taube ihren Weg auch in die Bauernhäuser. Dort richtete man oft in einer Zimmerecke einen sogenannten „Herrgottswinkel“ ein, wo unter einem Kruzifix verschiedene Andachtsbilder und Devotionalien versammelt waren. Die Heiliggeisttaube hing an einer Schnur von der Decke und vervollständigte das Arrangement. Diese Form der häuslichen Religiosität war bis ins 20. Jahrhundert in ländlichen Regionen Europas weit verbreitet. Im Ersten Weltkrieg überstieg die Zahl der Kriegsgefangenen alles bisher Dagewesene. Allein in Deutschland wurden ungefähr 2,4 Millionen Soldaten aus gegnerischen Armeen festgehalten. Sie verteilten sich auf 175 Stammlager im ganzen Reichsgebiet. Das Sennelager zwischen Bielefeld und Paderborn war das größte Kriegsgefangenenlager in Westfalen, das kurz vor Kriegsende 1918 rund 75.000 Insassen zählte. Darunter befanden sich viele Russen, die teilweise schon zu Beginn des Kriegs in Gefangenschaft geraten waren. Um sich in der Eintönigkeit des Lagerlebens zu beschäftigen, stellten manche Gefangene aus einfachen Materialien kleine Alltagsgegenstände oder Schmuckartikel her, die auch als Geschenk oder Tauschware dienen konnten. Gerade die Russen zeigten großes Geschick bei Schnitzereien, wobei die Heiliggeisttauben ein beliebter Artikel waren. Der österreichische Anthropologe Prof. Dr. Rudolf Pöch hat 1915 in einem Lager Gefangene bei ihrer handwerklichen Tätigkeit gefilmt und dabei die Herstellung einer solchen Taube festgehalten (Film abrufbar in der Österreichischen Mediathek). Unser Exemplar stammt sehr wahrscheinlich aus dem Sennelager und kam 1916 in die „Kriegsgeschichtliche Sammlung“, die der Historische Verein für die Grafschaft Ravensberg seit Ausbruch des Ersten Weltkriegs für das Städtische Museum angelegt hatte. Bis Kriegsende wuchs die Sammlung auf 600 Exponate an, von denen der größte Teil nicht mehr vorhanden ist. Die Taube mit ihren filigranen Flügeln jedoch hat überlebt.


Zwei Hutnadeln

Objektgeschichten #02


Objekttext Zwei Hutnadeln

Nadelspitz und stolze 27 cm lang die eine, sogar 31,5 cm lang die andere – hübsch anzusehen, doch nicht ungefährlich: zwei Hutnadeln. Am 7. Mai 1912 berichtete die Bielefelder Presse über das Problem der Hutnadeln in der Straßenbahn. Wenn die Wagen voll besetzt seien, wären bereits mehrmals Fahrgäste von den teilweise weit abstehenden spitzen Enden der Hutnadeln verletzt worden. Das städtische Betriebsamt orderte daraufhin Hülsen, die von den Schaffnern an die Hutträgerinnen verkauft wurden. Außerdem appellierte man an die Damen, vor der Fahrt ihre Hutnadeln zu sichern oder zu entfernen. Wie war es überhaupt zu diesen überdimensionalen Befestigungsvorrichtungen gekommen? Vereinfacht gesprochen, hatte sich die Silhouette in der Damenmode von 1860 bis 1910 genau ins Gegenteil verkehrt. In den 1860er Jahre gab die Mode ausladende Krinolinenkleider vor, die in einer schmalen Taille, eng anliegendem Oberteil und kleinen, meist runden Hüten ihren oberen Abschluss fanden. Um 1910 war dagegen eine schmale Silhouette für die Dame das non plus ultra. Unterstützt durch das sans-ventre–Korsett („ohne Bauch“), zeigte die ganze Figur einen eleganten S-Schwung mit bodenlangen engen Kleidern oder Röcken, die nur kurze Schritte zuließen. Als Ausgleich hatten die Hüte die Dimensionen von Wagenrädern angenommen. Die breitrandigen Hüte trugen meist einen fantasievollen Aufputz aus Straußen- oder Reiherfedern, Kunstblumen, Schleifen und anderem Zierat. Entsprechend anfällig waren diese Kopfbedeckungen für jeden Windstoß. Die riesigen Hutnadeln verbanden jedoch Hut und Frisur der Dame zu einer festen Einheit. Neben ihrer praktischen Funktion waren Hutnadeln ein wichtiges Modeaccessoire und wurden entsprechend aufwendig gestaltet, um dem Hut gleichsam noch ein Schmuckstück hinzuzufügen. Unsere beiden Exemplare sind relativ schlicht aus unedlen Materialien, aber es gab durchaus auch silberne und mit Steinen besetzte Hutnadeln. Als die ausladenden Hüte mit dem Ersten Weltkrieg aus der Mode kamen, war auch die Zeit der langen Hutnadeln vorbei, die findige Frauen durchaus auch für andere Zwecke zu nutzen verstanden: Als Berta Benz 1888 heimlich mit dem Automobil ihres Mannes die erste Fernfahrt unternahm, konnte sie eine verstopfte Benzinleitung mit ihrer Hutnadel freilegen und die Reise erfolgreich fortsetzen.


Kaffeebrenner

Objektgeschichten #3


Objekttext Kaffeebrenner

Kaffee ist heute zu einem Lifestyle-Produkt geworden (natürlich nicht der gewöhnliche Bürokaffee, der stundenlang auf seiner Wärmeplatte in der Kaffeemaschine oder in einer Thermoskanne vor sich hin zieht). Überall entstehen kleine Kaffeeröstereien, die auf eigene Verfahren und bestimmte Sorten schwören und dem Kenner die frisch gerösteten Bohnen zeremonienhaft abwiegen. Im 19. Jahrhundert war das Rösten den meisten Konsumenten selbst überlassen, aber ob tatsächlich nur Kaffeebohnen in einem solchen schwarzen Topf landeten, war fraglich. Der Kaffeekonsum, aus dem Orient übernommen, war bis ins frühe 18. Jahrhundert eine luxuriöse Angewohnheit der Oberschicht. Um 1750 hatte er sich auch im Bürgertum durchgesetzt, um am Ende des Jahrhunderts für alle Volksschichten zum Bedürfnis zu werden. Der Jöllenbecker Pastor und Schriftsteller Johann Moritz Schwager merkte 1786 zu Ravensberg an: „Der Luxus hat sich auch beym Bauern eingeschlichen, er will nicht nothdürftig, sondern gut leben, keine Caffeeähnliche Jauche, sondern guten, starcken Caffee mit viel Zucker trinken.“ Dem wollte jedoch der preußische Staat einen Riegel vorschieben. Friedrich der Große beklagte wie andere Fürsten, dass für Kaffee wie auch andere Kolonialprodukte viel Geld ins Ausland abwanderte. Er belegte Kaffee mit hohen Zöllen und errichtete 1781 ein Kaffeemonopol, das nur den staatlichen Behörden gestattete, Kaffee zu rösten und in den Handel zu bringen. Diese Maßnahme führte zu schwunghaftem Schmuggel. Daraufhin schickte der König „Kaffeeriecher“ los, die dem Duft frisch gerösteten Kaffees nachschnüffelten und seine Herkunft kontrollierten. Friedrich der Große förderte den Anbau der Zichorie als Kaffeeersatz und auch nach dem Ende des Kaffeemonopols dürften die meisten Leute eher Zichorienwurzel, Gersten- oder Roggenmalz und andere Surrogate neben einigen echten Kaffeebohnen geröstet und aufgegossen haben. Die Bohnen wurden bis weit ins 20. Jahrhundert hinein grün verkauft und erst kurz vor dem Gebrauch geröstet, da es noch keine Möglichkeit gab, das Aroma zu konservieren. Dazu kamen topfartige Gefäße aus Eisenblech oder Gusseisen auf den Markt. Sie haben einen geteilten Deckel, durch den in der Mitte eine Kurbel führt, die im Inneren mit Rührflügeln verbunden ist. Diese Kaffeebrenner tragen in der Mitte der Wandung einen Ring, sodass man sie in einen Herd oder eine Kochmaschine einsetzen kann. „Das Rösten des Kaffees muß mit großer Aufmerksamkeit geschehen“, mahnt ein Kochbuch um 1900. Ständiges Rühren, eine geregelte Feuerung und gelegentliches Überprüfen des Röstgrades gehörten dazu, wenn die Bohnen nicht verbrennen sollten. Man kann sich vorstellen, dass nach solchen Mühen die Tasse Kaffee umso besser schmeckte.


Fahrradlaterne

Objektgeschichten #4


Objekttext Fahrradlaterne

Am Ende des 19. Jahrhunderts veränderte das Radfahren das Mobilitäts- und Freizeitverhalten von immer mehr Menschen. Dabei war die Dunkelheit zunächst eine Schranke, die das neue Fortbewegungsmittel nur schwer durchbrechen konnte. Zwar gab es bereits Fahrradlaternen, die mit Kerzen oder Öl als Brennstoff betrieben wurden, aber die Lichtausbeute war eher gering und die Handhabung beschwerlich. 1896 kam die Karbid- oder Acetylengaslaterne als Fahrradbeleuchtung auf den Markt, die ein viel helleres Licht lieferte. Acetylengas entsteht durch die Verbindung von Calciumcarbid mit Wasser. Die Lampe besteht aus zwei übereinander angeordneten Behältern, wobei aus dem oberen Wasser dosiert auf die darunter befindliche Chemikalie getropft werden kann. Das entstehende Gas wird über ein kurzes Rohr in einen Brenner geleitet, der vor einem Hohlspiegel aus blankem Metall angebracht ist. Dieser fokussiert die grelle Flamme, wobei das verbrennende Gas relativ viele Rußpartikel freisetzt, sodass eine Reinigung des Brenners häufiger nötig ist. Unsere Lampe trägt auf der Oberseite den Firmennamen Lohmann, der ein Stück Bielefelder Industriegeschichte repräsentiert. 1882 gründete der Bielefelder Carl Lohmann in London ein Importgeschäft, das nicht nur Bielefelder Nähmaschinen, sondern auch westfälische Schinken, Mettwürste, Sauerkraut und andere Delikatessen in die britische Hauptstadt lieferte. Bald spedierte Lohmann auch englische Erzeugnisse wie Fahrradzubehör nach Deutschland. Das Aufblühen der Fahrradindustrie in Bielefeld veranlasste ihn dazu, in seiner Heimatstadt einen Großhandel mit Fahrradteilen aufzubauen. Um die hohen Einfuhrzölle zu umgehen, fing Lohmann bald selbst mit der Produktion von Sätteln und Taschen an. 1903 wurde ein neuer Fabrikbau in der Nähe des Schlachthofs bezogen, wo 450 Arbeiter bis zu 60.000 Sättel im Monat herstellten. Daneben produzierte Lohmann in großem Umfang Koffer. Die Lederverarbeitung ergänzte später ein metallverarbeitender Bereich, der Fahrradlaternen und Autoscheinwerfer herstellte, nicht zu vergessen den berühmten kleinen Lohmann-Motor. Bis in die 1930er Jahre strahlten die hellen Acethylengasflammen, dann hatte sich die elektrische Fahrradbeleuchtung endgültig durchgesetzt. Die Lohmann-Werke blieben aber auch nach dem Niedergang der Fahrradindustrie dem Licht treu: Bis 1999 produzierten sie in Bielefeld Solarien.


Mutterkreuz

Objektgeschichten #5


Objekttext Mutterkreuz

Es wirkt zunächst wie ein militärischer Orden: ein lateinisches Kreuz mit Tatzenenden, blau-weiß emailliert mit einem silbernen Strahlenkranz um das Zentrum und dem Hakenkreuz darin. Erst die Umschrift „Der deutschen Mutter“ macht klar, dass es sich um das „Ehrenkreuz der Deutschen Mutter“ (Mutterkreuz) handelt. Adolf Hitler hatte die Mutterschaft als das „Schlachtfeld“ der Frau bezeichnet und damit ihren Stellenwert im Rahmen seines Weltbildes markiert. Nachdem die Nationalsozialisten bereits 1934 den Muttertag zum Feiertag erhoben hatten, wurde am 16. Dezember 1938 das Mutterkreuz gestiftet. Dieses Datum ist auf der Rückseite eingraviert. Der Orden sollte den Kinderwunsch beflügeln, da in der NS-Ideologie eine wachsende „Volksgemeinschaft“ das wichtigste Zukunftskapital Deutschlands darstellte. Auch formal ahmte er militärische Auszeichnungen nach. Die drei verliehenen Stufen waren nach Anzahl der Kinder gegliedert. Ab vier Kindern erhielten die Mütter das bronzene, ab sechs Kindern das silberne und ab acht Kindern das goldene Mutterkreuz. Es gab jedoch keinen Automatismus, vielmehr mussten Kandidatinnen von NS-Organisationen, kommunalen Behörden oder auch Privatleuten vorgeschlagen werden. Daraufhin wurden der Lebenswandel der Frau, ihre Haushaltsführung und Kindererziehung begutachtet, ebenso die politische Einstellung. Dafür waren vor allem Gesundheitsämter, Ärzte und Fürsorgerinnen zuständig, aber ebenso untere Parteidienststellen. Selbstredend kamen nur „arische“ und „erbgesunde“ Frauen für das Mutterkreuz in Betracht. „Es war für alle Anwesenden, der Theatersaal war voll besetzt, eine erhebende Feierstunde (…). Stolz und erhobenen Hauptes gingen die Mütter, mit den Ehrenkreuzen geschmückt und jede mit einem riesigen Blumenstrauß versehen, aus dem Saal und wurden im dicht besetzten Kurpark immer wieder jubelnd begrüßt.“ Die Schilderung von der Mutterkreuzverleihung im Mai 1940 in Bad Salzuflen lässt erahnen, wie das NS-Regime den Mutterkult zu inszenieren wusste. Das Mutterkreuz sollte nur zu festlichen Anlässen am mitgelieferten Band getragen werden. HJ- und BDM-Mitglieder sollten die Trägerin auf der Straße grüßen wie Inhaber militärischer Auszeichnungen. Bis September 1941 hatten 4,7 Millionen Frauen das Mutterkreuz erhalten. Frauen mit vielen Kindern, die es nicht vorweisen konnten, gerieten in Gefahr, als asozial oder auf irgendeine Weise nicht regimekonform zu erscheinen. In den Kriegsjahren kam es, wie die Historikerin Irmgard Weyrather herausgefunden hat, häufiger zu Streitigkeiten, wenn Trägerinnen des Mutterkreuzes beim Schlangestehen und bei der Lebensmittelversorgung eine bevorzugte Behandlung erwarteten. Obwohl die Mehrheit das Kreuz durchaus als Würdigung empfand, machte auch das Wort vom „Kaninchenorden“ die Runde. Nach dem Ende der NS-Herrschaft verschwanden viele Mutterkreuze in der Schublade und blieben bis heute erstaunlich oft erhalten.


Henriette Davidis

Objektgeschichten #6


Objekttext Ostertorte

Aus 250 Gramm schaumig gerührter Butter, ebensoviel Zucker, 4 Eigelb, 15 Gramm Backpulver, wenig geriebener Zitronenschale und 350 Gramm Mehl wird ein Teig gerührt, unter den man den Schnee der Eiweiß zieht. Die Masse wird in eine eingefettete Form gefüllt und mit einem Brei, der aus 125 Gramm gewiegten Pistazien, 75 Gramm geriebenen Mandeln, 50 Gramm gehacktem Zitronat, 2 Eiern, wenig Zucker und Vanille bereitet wurde, bestrichen. Die Torte muss langsam in sehr gleichmäßiger Hitze eine Stunde backen. Wenn sie ausgekühlt ist, legte man sie auf eine Tortenplatte und zerschneidet sie. In die Mitte stellt man ein Schokoladen-Osterhäschen. Um den Rand ordnet man allerhand bunte Ostereier und legt zuletzt einen Kranz von Frühlingsblüten um die Torte.


Willi Postler

Objektgeschichten #7



Willi Postler Teil 2

Objektgeschichten #8



Bronzeplastik Elch

Objektgeschichten #9

Objekttext Bronzeplastik Elch

Bronzeplastik Elch Wölfe sind in den letzten Jahren wieder vereinzelt in Ostwestfalen aufgetaucht, aber Elche? Dennoch schreitet seit 1961 ein kapitales Exemplar dieser Gattung durch den Bürgerpark in Bielefeld, kommt allerdings nicht vom Fleck, denn der Elch besteht aus Bronze. Mit einem Gewicht von 600 Kilogramm und einer Schulterhöhe von weit über zwei Metern entspricht er in den Ausmaßen durchaus lebenden Exemplaren dieser größten Hirschart der Erde. Der Bronzeelch im Museum ist eine Nummer kleiner, gleicht aber dem großen Vorbild im Bürgerpark. Doch was hat es mit dem Elch auf sich? Die Spur führt in die ostpreußische Stadt Gumbinnen, heute Gussew. Dort waren Elche vor allem in dem riesigen Gebiet der Rominter Heide, vor dem Ersten Weltkrieg ein beliebtes Jagdrevier Kaiser Wilhelm II., verbreitet. Im Winter 1909/10 saß ein kapitaler Elch bei Gumbinnen fest, weil Tauwetter das Eis weich und unsicher gemacht hatte. Der Bildhauer Ludwig Vordermayer (1868-1933), der gerade durch Ostpreußen reiste, studierte das Tier und fertigte ein Tonmodell an. Daraus entstand im Atelier ein lebensgroßes Gipsmodell für einen Bronzeguss. Die Landeskunstkommission kaufte den würdig und ruhig dastehenden Bronzeelch an, der 1912 auf einem zentralen Platz in Gumbinnen aufgestellt wurde und rasch als Wahrzeichen der Stadt galt. Szenenwechsel: Nach dem Zweiten Weltkrieg suchten Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Gebieten im Osten eine neue Heimat. Allein in Bielefeld lebten 1952 über 34.000 Flüchtlinge, die mehr als 20% der Gesamtbevölkerung ausmachten. Städte und Kreise in Westdeutschland waren aufgerufen, Patenschaften für entsprechende Gebietskörperschaften im ehemaligen deutschen Osten zu übernehmen. 1954 beschloss der Bielefelder Stadtrat, eine Patenschaft für Gumbinnen einzugehen. Neben praktischen Hilfen für die Eingliederung sollte vor allem die Erinnerung an die alte Heimat aufrechterhalten werden. Das fassbare Symbol war das Elchdenkmal, und so begann die Kreisgemeinschaft Gumbinnen 1958 einen „Elchgroschen“ zu sammeln als Grundstock für einen Bronzeelch. Letztlich gab die Patenstadt Bielefeld den Löwenanteil zu den Kosten von 52.000 DM hinzu. Der Hamburger Bildhauer Hans Martin Ruwoldt (1891-1969) war der Schöpfer des neuen Elchs. Wie Vordermayer war er ein ausgewiesener Tierplastiker, der durch genaue Beobachtung ein lebensnahes Abbild erreichte. Im Gegensatz zu seinem älteren Kollegen legte Ruwoldt das Hauptaugenmerk auf die artgemäße Gesamtform und Bewegung der Tiere, in die er Details einschmolz. Auch die schrundigen, den Modellierprozess wiedergebenden Oberflächen zeigen die Modernität seiner Figuren. Ruwoldt schlug zunächst einen liegenden Elch vor, der aber keinen Anklang fand. Als Standort für das dann gebilligte schreitende Exemplar war der Tierpark Olderdissen im Gespräch. Der Rat der Stadt lehnte diesen Ort jedoch ab: Der Elch habe schließlich eine politische Funktion und solle an die Vertreibung erinnern. So fand er seine Weidegründe im Bürgerpark, wo er am 24. September 1961 eingeweiht wurde. Wie üblich fertigte der Bildhauer von dem ersten kleinen Tonmodell mehrere Bronzeabgüsse an. Ein Exemplar erhielt der Oberbürgermeister als Geschenk, das später dem Historischen Museum zur Verwahrung übergeben wurde.


Die Zuckerbreche

Objektgeschichten #10

Objekttext Die Zuckerbreche

„Oben spitz und unten breit, durch und durch voll Süßigkeit“ – dieses Rätsel aus einem Kinderbuch um 1850 würde heute wohl viele Erwachsene ins Grübeln bringen. Wir verwenden heute ganz selbstverständlich große Mengen Zucker in unterschiedlicher Form: als Kristall, als Puder, in Würfeln oder in den rhombischen Formen von Kandis. Der Zuckerhut dagegen, über Jahrhunderte die gewöhnliche Erscheinung der begehrten süßen Ware, ist bis auf die nostalgische Feuerzangenbowle aus unserer Warenwelt verschwunden. Bevor sich die Herstellung des Zuckers aus Rüben in Mitteleuropa im 19. Jahrhundert durchsetzte, musste der Rohrzucker aus fernen Ländern importiert werden. Folglich war er kostspielig und blieb den Wohlhabenden vorbehalten. Traditonell füllte man bei der Herstellung den eingedickten Zuckersaft in kegelförmige Behälter und ließ ihn darin erstarren, sodass die einprägsame Form des Zuckerhutes entstand. Im 18. Jahrhundert breitete sich der Zuckergenuss mit den Heißgetränken Kaffee und Tee auch im Bürgertum aus. Um die kostbare Substanz besser portionieren zu können, entwickelte man verschiedene Gerätschaften. Die Zuckerhüte wogen zwischen ein und drei Kilogramm, und die Zerkleinerung war durchaus mühsam. Zunächst wurde der Hut in große Brocken zerschlagen, die mit einer speziellen Zange gefasst werden konnten. Dann kam die Zuckerbreche zum Einsatz. In unserem Fall ist sie fest auf ein Brett montiert, der untere Backen trägt eine starke Zähnung, um den Brocken besser zu halten, während von oben die Schneide herabgedrückt wird. Die Zerkleinerung war nicht ungefährlich, und soll 1840 zur Erfindung des Würfelzuckers geführt haben, als die Ehefrau eines Zuckerfabrikanten sich bei dieser Tätigkeit verletzt hatte. Es dauerte aber noch lange, bis sich die industrielle Portionierung endgültig durchsetzte.


Fotografie: Kaiser Wilhelm II. in Bielefeld

Objektgeschichten #11

Objekttext Kaiser Wilhelm II. in Bielefeld

Fotografie: Kaiser Wilhelm II. in Bielefeld Wilhelm II., der letzte deutsche Kaiser, der das Land von 1888 bis 1918 regierte, war der erste Medienmonarch. In Gemälden und Grafiken, auf Fotos und im Film wurde er unzählige Male im Bild festgehalten. Dazu reiste er unentwegt durch Deutschland, stand bei Manövern und Paraden, Denkmaleinweihungen und Besuchen anderer deutscher Fürstenhäuser in der Öffentlichkeit und wurde dabei abgelichtet. Unser Foto hält dagegen einen eher privaten Moment fest. Am 6. August 1900, bei echtem „Kaiserwetter“, weihte Wilhelm II. das Denkmal des Großen Kurfürsten im Innenhof der Sparrenburg ein. Nachdem er noch eine Eiche an der Burgmauer gepflanzt hatte, begab sich der Kaiser mit seinem Gefolge zur Villa von Georg Hinzpeter am Oberntorwall, um dort ein Gabelfrühstück einzunehmen. Der so ausgezeichnete Hinzpeter, dem der Kaiser am selben Tag auch einen hohen Orden verlieh, war sein ehemaliger Erzieher. Hinzpeter, der Alte Sprachen, Geschichte und Geografie studiert hatte, übte zunächst die Funktion eines Hauslehrers bei mehreren Adelsfamilien aus, bevor er 1866 nach Berlin an den Hof gerufen wurde. Dort übertrug man dem strengen Calvinisten die Erziehung des jungen Prinzen. Obwohl der nüchterne Mann mit seinen rigiden Unterrichtsmethoden keine Rücksicht auf die Körperbehinderung und seelische Befindlichkeit seines Schützlings nahm, blieb ihm Wilhelm II. zeitlebens verbunden. Das Foto zeigt den Kaiser mit seiner Gattin beim Verlassen der Villa, im Vordergrund ist noch der vorausgehende Hofmarschall zu sehen. Als Hinzpeter am 29. Dezember 1907 im Alter von 80 Jahren starb, reiste der Kaiser zur Beerdigung an und führte den Trauerzug an. Georg Hinzpeters eindrucksvolles Grabmal mit seiner Büste befindet sich auf dem Johannisfriedhof.

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