Objekt des Monats August

Schulwandbild

Schulwandbild Togo

Wer spätestens in den 1960/70er Jahren zur Schule gegangen ist, kennt sie noch aus eigener Anschauung: die Schulwandbilder. In einer Zeit, als die heutige Bilderflut noch nicht eingesetzt hatte, stellten die großformatigen, bunten Tafeln eine willkommene Abwechslung im Unterricht dar. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts standen druckgrafische Verfahren, vor allem die Chromolithografie und von ihr abgeleitete Techniken, zur Verfügung, die eine kostengünstige Herstellung erlaubten. 1902 kostete eine Tafel „schulfertig“ 3,20 Mark, ein günstiger Preis für ein Lehrmittel, das damals die Aufmerksamkeit der Kinder zu fesseln vermochte. Die Schulwandbilder gaben eine sinnliche Anschauung von historischen Ereignissen, Landschaften, Tieren und Pflanzen, technischen und physikalischen Vorgängen. Die Schulbilderverlage hielten Tausende von Motiven vorrätig, die in nahezu allen Fächern eingesetzt werden konnten.

Einer der produktivsten war der Leipziger Schulbilderverlag von F. E. Wachsmuth. Er veröffentlichte auch die „Verhandlung unter dem Affenbrotbaum in Togo“. Die farbenprächtige Tafel stellt den riesigen Baum ins Zentrum, unter dem sich eine bunte Gesellschaft von Einheimischen gelagert hat, die Speere und Schilde abgelegt haben, während im Hintergrund einige Rundhütten ein Dorf andeuten. Unter den Figuren fallen zwei mit weißer Kleidung auf, Europäer, die allerdings in dem Bild eine untergeordnete Position einnehmen.

Warum diente gerade das kleine Togo zur Verortung dieser idyllischen, nur durch einige Versatzstücke allgemein als afrikanisch gekennzeichneten Szenerie? Dreißig Jahre lang, von 1884 bis 1914, gehörte das kleine westafrikanische Land als Kolonie zum Deutschen Reich. Wie ein Keil zwischen Gebieten unter englischer und französischer Herrschaft steckend, war es die kleinste deutsche Kolonie in Afrika. Daher eignete es sich als Experimentierfeld für eine „Musterkolonie“, zumal Widerstände der einheimischen Bevölkerung hier kaum vorkamen. Das Deutsche Reich investierte in Straßenbau, Gesundheitswesen und Landwirtschaft, um die Herrschaft auch Gewinn bringend auszuüben. Tatsächlich war Togo zeitweise die einzige deutsche Kolonie, die sich wirtschaftlich selbst trug. Dies war aber nicht zuletzt der systematischen Jagd auf Elefanten zu verdanken, die fast ausgerottet wurden und durch das Elfenbein die Bilanz der Kolonie aufpolierten. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Togo rasch von englischen und französischen Truppen besetzt und zwischen den beiden Kolonialmächten aufgeteilt. Das Schulwandbild erzählt nichts vom kolonialen Alltag und den Machtverhältnissen, es bleibt ein unverbindlicher und geschönter Traum von Afrika unter deutscher Herrschaft.

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