Objekt des Monats Dezember

Genex-Katalog •

Früher lagen in vielen Haushalten die dickleibigen Versandhauskataloge, die mit ihren bunten Bildern aus der Warenwelt Wünsche anregen und zum Kauf verführen sollten. Verglichen damit nimmt sich der Katalog der Genex Geschenkdienst GmbH mit 180 Seiten eher bescheiden aus. Der Blick ins Innere zeigt eine merkwürdige Mischung von Dingen des täglichen Bedarfs wie Kaffee, Süßigkeiten oder Waschmittel mit ganzen Zimmereinrichtungen und Gartenlauben bis hin zu Motorbooten und Autos. Die Aufschrift „Geschenke in die DDR“ führt zu einem wunderlichen Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte der Nachkriegszeit.

Die „Geschenkdienst- und Kleinexporte GmbH“, kurz Genex, wurde am 20. Dezember 1956 ins Leben gerufen. Sie entstand vor dem Hintergrund der Lebensverhältnisse, die sich in den beiden deutschen Staaten nach der Teilung immer stärker auseinander entwickelten. Während sich in der Bundesrepublik mit amerikanischer Unterstützung das Wirtschaftswunder entfaltete, musste die DDR wesentliche Teile ihrer Wirtschaftsleistung an die Sowjetunion abgeben. Die Enteignung der privatwirtschaftlichen Unternehmen schwächte die Wirtschaft zusätzlich. Dadurch geriet die Konsumgüterversorgung der Bevölkerung in den Hintergrund.

Die Mangelsituation in der DDR führte dazu, dass Verwandte und Freunde im Westen mit Paketsendungen aushalfen. Für die DDR-Regierung bedeutete dieser Warentransfer einen Imageverlust, machte er doch augenfällig, dass sie nicht in der Lage war, die Konsumbedürfnisse abzudecken. Mit der Gründung der Genex verfolgte das DDR-Regime mehrere Ziele: Sie lenkte den Geschenkverkehr in kontrollierte Bahnen, sie verschaffte sich Devisen aus dem Westen und sorgte für den Absatz von hochpreisigen Produkten aus eigener Produktion. Anfänglich beschränkte sich das Angebot der Genex nämlich auf DDR-Produkte, die zum Teil für die Käufer aus dem Westen zurückgehalten wurden und so den Mangel für DDR-Bürger ohne Westkontakte weiter verschärften.

Nach dem Mauerbau 1961 wickelte die DDR den Genex-Handel über zwei Firmen in Dänemark und der Schweiz ab. Der Käufer in der BRD zahlte den Kaufpreis in DM an die Genex-Firma, die dann den Versand der Waren an den Beschenkten veranlasste. In den 1970er Jahren kamen vermehrt Artikel aus westlicher Produktion in den Genex-Katalogen vor. In unserer Ausgabe von 1980 gibt es neben in der DDR hergestellten Autos wie Trabant, Barkas oder Wartburg auch Modelle von Fiat. Später wurden sogar Autos von westdeutschen Firmen angeboten. DDR-Bürger, die ein Auto ohne West-Devisen bestellt hatten, mussten dagegen jahrelang auf ihr Fahrzeug warten. So entstand eine Zweiklassen-Konsumgesellschaft.

In den 1980er Jahren bot der Genex-Katalog auch Urlaubsreisen in „sozialistische Bruderländer“ an. Mit dem „Selbstkaufverfahren“ gab es ein Gutscheinsystem, bei dem der Schenker eine gewisse Summe für Einkäufe nach Wahl des Empfängers zur Verfügung stellte. Die Genex warb dafür, „aus der ständig in Sortiment und Qualität gewachsenen Warenpalette des Handels der DDR zu schenken und Freude zu bereiten.“ Sie setzte auf diese Weise  jährlich etwa 200 Millionen DM um. Mit dem Ende der DDR wurde auch die Genex aufgelöst und 1992 endgültig abgewickelt.