Objekt des Monats Juni

Barbierbecken •

Wer heute zum Friseur geht, bekommt in der Regel Hintergrundmusik kostenlos als Zugabe. Der Geiger auf dem Boden dieser Schale bleibt dagegen tonlos und war noch nicht einmal zu sehen, wenn das Becken in Benutzung war. Nur wenn es in Ruhestellung an der Wand hing, fügte er dem nüchternen Gebrauchsgegenstand ein wenig Poesie hinzu.

Die Schale besteht aus Irdenware mit einem rötlichen Scherben. Sie trägt eine dunkelgrüne Glasur, die Figur des Geigers im Fond ist mit raschen Strichen umrissen und mit einigen braunroten Flecken akzentuiert. Die Beischrift „Anno 1752“ gibt Auskunft über das Alter des Beckens. Seine Zweckbestimmung lässt sich an der charakteristischen Form ablesen mit der breiten, leicht nach innen abgesenkten Fahne und dem halbrunden Ausschnitt darin. Hier passte sich der Hals des zu Rasierenden ein, um möglichst allen herabtropfenden Seifenschaum und Wasser in der Schale aufzufangen. Zweckentfremdet wurde das Becken durch eine berühmte Gestalt der Weltliteratur, für die es geradezu zum Markenzeichen wurde: Don Quixote nahm einem umherziehenden Barbier sein Messingbecken ab, weil er es für den goldenen Helm des Helden Mambrin hielt, und trug es seither auf dem Kopf.

Der Barbier als Beruf hatte seine Wurzeln in den Badestuben des Mittelalters. Dort sorgten die Bader für die Heizung, die Bereitung der Bäder und für saubere Tücher. Über die Körperpflege hinaus übernahmen sie auch medizinische Verrichtungen wie Aderlass und Schröpfen bis hin zur Behandlung von Haut- und Zahnkrankheiten sowie Verrenkungen und Knochenbrüchen. Da sich im warmen Dampfbad auch die Barthaare erweichen, war die Badestube der geeignete Ort für eine Rasur. Diese Tätigkeit wie auch das Schneiden des Haupthaars übten meist die Badeknechte aus. Im Spätmittelalter nahm das „trockene Scheren“ außerhalb des Bades zu. Der Barbier als eigenständiger Beruf trennte sich vom Bader, obwohl er ebenfalls gewisse medizinische Leistungen anbot.

Über die Jahrhunderte gab es einen ständigen Wechsel in der Bartmode, aber auch Perioden, in denen der Bart zumindest bei den tonangebenden Schichten verpönt war. Das 18. Jahrhundert, aus dem unser Becken stammt, war bis zu seinem Ende durch das Tragen von Perücken geprägt, die ab etwa 1720 zudem gepudert wurden. Dazu hätte ein dunkler Bart einen absonderlichen Kontrast abgegeben. Daher setzte sich selbst in der ländlichen Bevölkerung die Bartlosigkeit durch. Während Barbierbecken für das bürgerliche Publikum meist aus Metall wie Zinn und Messing oder aus vornehmem Porzellan gefertigt waren, gehört unser Beispiel eher in den Alltag der einfachen Leute.

In der Epoche, die von der Perückenmode beherrscht wurde, stieg das Ansehen des Barbiers als Fachmann für Haar- und Bartpflege. Gleichzeitig trennte sich der Haarkünstler der Damen vom Herrenfriseur. Das glänzende metallene Becken avancierte zum Kennzeichen des Letzteren und diente oft bis ins 20. Jahrhundert zugleich als Ladenschild. Mit der Erfindung des Rasierhobels setzte sich die Selbstrasur seit dem späten 19. Jahrhundert zunehmend durch und der Besuch beim Herrenfriseur galt nurmehr dem Haarschnitt. Erst seit etwa 10 Jahren erlebt der traditionelle Beruf des Barbiers in den Barber-Shops, die inzwischen an jeder Ecke zu finden sind, eine Renaissance.