Zweispitz •

„Mein Hut der hat drei Ecken, drei Ecken hat mein Hut, und hätt er nicht drei Ecken, so wär er nicht mein Hut“ – so heißt es in einem Kinderlied aus dem 19. Jahrhundert. Der Dreispitz, von dem hier die Rede ist, war als Hut damals schon längst antiquiert und wurde wohl wegen seiner ungewöhnlichen und anschaulichen Form zum Gegenstand des Liedes. Im 18. Jahrhundert gehörte der Hut mit der an drei Seiten aufgeschlagenen Krempe dagegen in allen Bevölkerungsschichten zur Alltagskleidung.

Am Ende des Jahrhunderts änderte sich die Form des Männerhuts, er verlor eine Ecke und mutierte zum Zweispitz. Anfangs dominierte eine Variante mit extrem hochgezogenen halbmondförmigen Krempenteilen, die senkrecht aufgerichtet standen und den Kopfteil dahinter verschwinden ließen. Vor allem in der französischen Armee setzte sich der Zweispitz als Offiziershut rasch durch. Napoleon wählte ihn zu seiner bevorzugten Kopfbedeckung, die fast ikonische Bedeutung gewann. Quer aufgesetzt, erhöhte er die kleine Statur des Korsen nicht unbeträchtlich. Dieser Effekt war für die Offiziere grundsätzlich vorteilhaft und wurde mit Federbüschen noch gesteigert, während Napoleon selbst bei schlichten, nur mit einer Kokarde gezierten Exemplaren blieb. Bis zu zwölf Hüte ließ er sich jährlich von einem Pariser Hutmacher anfertigen und nahm auch ins Exil nach St. Helena seinen Zweispitz mit.

Ironischerweise trug auch Napoleons britischer Gegenspieler, der Herzog von Wellington, einen Zweispitz, jedoch um 90 Grad gedreht mit den Spitzen nach vorn und hinten. Diese Trageweise als „Wellingtonhut“ hatte ein längeres Nachleben. In den 1820er Jahren kam der Zweispitz aus der Mode und wurde von dem „hohen Hut“, für den sich später der Name Zylinder einbürgerte, abgelöst. Der Zweispitz führte dann ein Nischendasein als Galahut bei Militär- und Ziviluniformen bis zum Ersten Weltkrieg, jetzt mit einem breiteren Kopfteil und niedrigeren seitlichen Krempen.

Unser Exemplar stammt aus dieser Zeit und war Bestandteil einer preußischen Beamtenuniform für offizielle Anlässe. Der Hut besteht aus schwarzem Nadelfilz, geziert mit goldenen Bouillonschnüren, einem Wappenknopf und der schwarz-weißen Kokarde. Die zugehörige Hutschachtel ist erhalten, aber weder dort noch an dem Hut selbst findet sich ein Hinweis auf den Hersteller. Auch der Vorbesitzer des Hutes ist leider nicht bekannt. Heute kann man dem imposanten Zweispitz noch bei Galauniformen von Militär und Polizei in Großbritannien, Schweden, Spanien und Italien begegnen, in der Galatracht von Diplomaten und in einem ganz anderen Lebensbereich – bei einer Vorführung der Spanischen Hofreitschule in Wien.