Objekt des Monats Oktober

Holztaube •

Millimeterdünn sind die „Federn“ dieser Taube, die erkennbar schon manche Fährnisse überlebt hat, aber sie spreizen sich nach wie vor zu einem eindrucksvollen Fächer. Der aus Nadelholz geschnitzte Vogel stellt ein Friedenssymbol dar, führt jedoch mitten hinein in den Ersten Weltkrieg.

Die Taube als Zeichen für Hoffnung und Frieden hat noch eine spezifisch christliche Bedeutung. Seit dem 6. Jahrhundert wird sie allgemein als Abbild des Heiligen Geistes anerkannt. Sie ist in katholischen und orthodoxen Kirchen häufig als Vollplastik oder Relief präsent. Im Zeitalter des Barock fand die Taube ihren Weg auch in die Bauernhäuser. Dort richtete man oft in einer Zimmerecke einen sogenannten „Herrgottswinkel“ ein, wo unter einem Kruzifix verschiedene Andachtsbilder und Devotionalien versammelt waren. Die Heiliggeisttaube hing an einer Schnur von der Decke und vervollständigte das Arrangement. Diese Form der häuslichen Religiosität war bis ins 20. Jahrhundert in ländlichen Regionen Europas weit verbreitet.

Im Ersten Weltkrieg überstieg die Zahl der Kriegsgefangenen alles bisher Dagewesene. Allein in Deutschland wurden ungefähr 2,4 Millionen Soldaten aus gegnerischen Armeen festgehalten. Sie verteilten sich auf 175 Stammlager im ganzen Reichsgebiet. Das Sennelager zwischen Bielefeld und Paderborn war das größte Kriegsgefangenenlager in Westfalen, das kurz vor Kriegsende 1918 rund 75.000 Insassen zählte. Darunter befanden sich viele Russen, die teilweise schon zu Beginn des Kriegs in Gefangenschaft geraten waren. Um sich in der Eintönigkeit des Lagerlebens zu beschäftigen, stellten manche Gefangene aus einfachen Materialien kleine Alltagsgegenstände oder Schmuckartikel her, die auch als Geschenk oder Tauschware dienen konnten.

Gerade die Russen zeigten großes Geschick bei Schnitzereien, wobei die Heiliggeisttauben ein beliebter Artikel waren. Der österreichische Anthropologe Prof. Dr. Rudolf Pöch hat 1915 in einem Lager Gefangene bei ihrer handwerklichen Tätigkeit gefilmt und dabei die Herstellung einer solchen Taube festgehalten (Film abrufbar in der Österreichischen Mediathek). Unser Exemplar stammt sehr wahrscheinlich aus dem Sennelager und kam 1916 in die „Kriegsgeschichtliche Sammlung“, die der Historische Verein für die Grafschaft Ravensberg seit Ausbruch des Ersten Weltkriegs für das Städtische Museum angelegt hatte. Bis Kriegsende wuchs die Sammlung auf 600 Exponate an, von denen der größte Teil nicht mehr vorhanden ist. Die Taube mit ihren filigranen Flügeln jedoch hat überlebt.